MEGALOMANIE UND HYBRIS
DESPOTIE UND GRÖSSENWAHN – IM ZWIELICHT DER GESCHICHTE
Seitdem es menschliche Gesellschaften und Zivilisationen gibt, sind die gesellschaftlichen Aufstiege von Menschen, die sich vorerst als „gleicher und Gleichen“ (Augustus) betrachten und dann als „Kaiser“ (in der Abwandlung von Gaius Julius „Cäsar“) mit aller Macht und Repression gegen Andersdenkende und Kritiker, aufschwingen, zahlreich. Mao, Stalin, Hitler, Pol Pot oder Papa Doc Duvalier haben große Vorbilder in der Geschichte. Alexander der Große habe Achilles nachgeeifert; Cäsar wiederum Alexander, heißt es.
Auf der Gründungsurkunde der UNO vom 26. Juni 1945 stehen die Namen von 50 Staaten. Heute umfasst sie 193. Allein seit 1992, dem Jahr, in dem Francis Fukuyama sein zuerst vielbeachtetes, dann vielverspottetes Buch über das „Ende der Geschichte“ durch den Sieg des Liberalismus publizierte, sind rund dreißig neue Staaten entstanden, von denen nicht wenige ins Fahrwasser der Despotie gerieten. Man darf das 20. Jahrhundert das Goldene Zeitalter der Verfassungsrechtler nennen, da es nie zuvor eine solche Hochkonjunktur für die steife Prosa neuverfasster Konstitutionen gegeben hat. Es war zugleich eine Ära heftiger Nachfrage nach jener ruchlosen Sachlichkeit, die seit dem 16. Jahrhundert in Europa mit dem Namen des florentinischen Sekretärs Machiavelli verknüpft ist. Seine Aktualität hat sich während des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts weiter gesteigert. Mit einem gewissen Sarkasmus haben zeitgenössische Kommentatoren bemerkt, dass die zahlreichen Neugründungen von Staaten aus vormals von Europäern beherrschten Kolonien des Öfteren nahezu gleichbedeutend waren mit „Stellenausschreibungen für künftige Despoten“. – Demgegenüber war das „Wirrwarr“ italienischer Kleinmächte zwischen den Alpen und Neapel im frühen 16. Jahrhundert keine Besonderheit, die eines Tages in die Moderne münden sollte. Konfusionen wie jene, die Machiavelli vor Augen standen, ließen sich in mehr oder weniger klaren Analogien auch in anderen Weltgegenden nachspielen.
Wie kommt es, dass Menschen aus Fleisch und Blut in ihrem religiös-politisch-ökonomisch-gesellschaftlichen und militärischen Machtwahn sich als „Abkömmlinge der Götter“ bezeichnen und das „gewöhnliche Volk“ mit mehr oder weniger Peitschenhieben dazu bringen, sich vor ihnen ehrfurchtsvoll in den Staub zu schmeißen? Zu nennen gibt es viele auf allen Kontinenten und Zeitaltern.
Hier einige Beispiele:
Cheops (Khufu) Regierungszeit etwa 2620 bis 2580 v. Chr.: Pharaonen waren die absoluten Herrscher (Götter auf Erden) im Alten Ägypten. Sie verfügten über uneingeschränkte Macht, wurden in monumentalen Gräbern (wie den Pyramiden) beigesetzt und nutzten ihren Status oft, um Untertanen oder Kriegsgefangene für gigantische Bauprojekte und blutige Feldzüge einzuspannen. Da die Machtfülle oft grenzenlos war, wird in der historischen Forschung häufig diskutiert, inwiefern diese Könige als Despoten oder Tyrannen regierten.
Cheops, der Erbauer der großen Pyramide von Gizeh wird vom griechischen Geschichtsschreiber Herodot als grausamer Tyrann beschrieben. Um seine Pyramide fertigzustellen, soll er sein Volk gnadenlos ausgebeutet haben.
Hammurabi I. von Babylon (Regierungszeit: 1792 bis 1750 v. Chr.) war ein amurritischer König, der Mesopotamien im 18. Jahrhundert v. Chr. einte. Er ist vor allem für den Codex Hammurabi bekannt, eines der frühesten und am besten erhaltenen geschriebenen Gesetzbücher der Menschheit. Er vereinte die Rolle eines gnadenlosen Feldherrn mit der eines gerechten Richters, der seine Gesetze vom Sonnengott Schamasch legitimieren ließ. Während Hammurabi von der Nachwelt oft als genialer Gesetzgeber gefeiert wird, der die Schwachen vor den Starken schützen wollte, war er nach modernen Maßstäben zugleich ein absoluter Despot. Die Gesetzessammlung diente nicht nur der Gerechtigkeit, sondern vor allem der Sicherung seiner autokratischen Herrschaft.
In der Geschichtswissenschaft wurden immer wieder „orientalische Despotien“ eines Dschingis Khan (Regierungszeit als erster Khagan der Mongolen von 1206 bis 1227) oder eines Timur Lenk
Das antike Griechenland und später die Römer gelten als „Wiege westlich-abendländischer Zivilisation“ – allerdings nur streckenweise demokratischer Entwicklungen, gefolgt von blutigen Kriegen, Bürgerkriegen und neuen „Anführern“, „Warlords“, Königen, Kaisern…
In Wahrheit ist die menschliche Geschichte durchzogen vom „epischen Ringen“ zwischen „Demos“ und „Tyrannis“ in all seinen unterschiedlichen Ausprägungen, Moden und Schattierungen.
Vom „Auserwähltsein“ sprach zuletzt auch schon 2019 US-Präsident Donald Trump. „I am the chosen one“! Frei nach Machiavelli handelt der „Dealmaker“: Wer als unkalkulierbar gilt, macht die besten Geschäfte/Verträge.
Trump auf KI-Bildern als „Papst“ oder gar als „Heiland“ im Sinne von Jesus Christus. Um seine „Pracht“ zu vervollkommnen, will er unter anderem einen Triumphbogen errichten, wie seinerzeit etwa Titus nach seiner Rückkehr nach Rom nach seinem Sieg als römischer Feldherr im Jüdischen Krieg und der Eroberung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr.
Man möchte schon gar nicht den römischen Kaiser Nero erwähnen, der 64 n. Chr. Harfe spielend von seiner Residenz über das brennende Rom blickte, wobei er das Feuer höchstwahrscheinlich selbst legen ließ – in einer Art „brennendem Aktionismus der Verblendung“.
Befindet sich auch Donald Trump als „Megalopat“ auf dem Weg zum „Cäsarenwahn“ - wie der Autor dieses feinsinnigen Buches über den „modernen Fürsten“ andeutet?
Der Autor stellt in seiner Analyse die von Machiavelli gestellte Fürstenfrage – als Frage nach der Instanz des letzten Worts in Dingen der politischen Machtausübung – scheinbar schon ausreichend gelöst mit der seit der Französischen Revolution eingeleiteten Übertragung der juristischen Fiktion namens „Souveränität“ vom Monarchen auf das Volk. - NEIN, sagt der Autor. Und dies aus einem banalen Grund: Als ein heterogen zusammengesetztes Vielheitsgebilde ist ein Volk modernen Stils naturgemäß nicht imstande, den einen Mann glaubhaft zu simulieren, der das letzte Wort haben soll.
Das Konzept „Staat“, als „Agentur der politisch potenzierten Erbsündigkeit“ hat zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert zahlreiche Gestaltwandlungen durchlaufen – vom Römischen Reich Deutscher Nation über das britische Empire, bis hin zu den Vereinigten Staaten von Amerika, zum Zarenreich, der Union sozialistischer Sowjetrepubliken, dem „Dritten Reich“ Hitler-Deutschlands und der Volksrepublik China. „Auf sie alle fällt ein Schatten, von dem die politische Philosophie schwer belastet bleibt, ohne dass sie selbst je ausreichend erklären konnte, in welcher Art von Zwielicht sie sich bewegte. Es ist – nach dem der Vertreibung aus dem Paradies – das der Vertreibung aus der allgemeinen Moral. Es ist das Zwielicht, das man gemeinhin die modernen Zeiten nennt“, hält der Autor tiefgründig fest.
Auch moderne Demokratien haben im Kern ein „diktatorisches Maßnahmen-Portfolio im Köcher. Ein Kanzler eines demokratischen Rechtsstaates mit schüchterner „Richtlinienkompetenz“ könne aus Gründen der Machtarchitektur nichts anderes darstellen als die „Domestikationsgestalt eines virtuellen Diktators“, betont Sloterdijk. An der Spitze von Staaten (wie von Streitkräften) sei mit dem „Trugbild der flachen Hierarchie“ letztlich nichts anzufangen.
Selbst Friedrich Nietzsche hielt zudem fest, dass demokratische Institutionen „Quarantäne-Einrichtungen gegen die alte Pest tyrannenhafter Gelüste“ seien. Die Mittel dazu finden sich im kleinen Einmaleins des Populismus : die Lähmung der Parlamente, die Umwandlung der Richterschaft in eine Gefolgschaft, die Einschüchterung der freien Meinungsaussprache, die allmähliche Gleichschaltung der Medien und die Aufstachelung des putschistischen Mobs. „Es kann kein Zweifel bestehen, dass Trumps Amerika alle diese Anzeichen der autoritären Transformation aufweist“, so der Autor. Trump mit „Doppel- oder Dreifachbegabung aus Feldherren-, Unternehmer- und Erlösertum - mit Künstlertum im Nebenfach“, so Sloterdijk.
In Abwandlung eines Worts von Sigmund Freud könnte man sagen, dass die „politische Vertikale“ im 20. Jahrhundert unter die Einwirkung des Imperativs geriet: „Wo Fürstenmacht war, soll Künstler- oder Unternehmertum werden.“
Große Bankhäuser und Financiers, Betreiber von Gruben, Geschützgießereien und von Waffenherstellern treten hervor – mit Namen wie John Rockefeller, Emil Rathenau, Henry Ford oder Friedrich Krupp. Sie alle verdeutlichen das Aufkommen einer „neuen Elite, die man als eine außerparlamentarische Aristokratie“ beschreiben könnte, hält Sloterdijk fest.
Die Tech-Giganten unserer Zeit generieren sich selber als „Provider der fehlenden Überwelt“, ohne aufzuhören, nur einer unter mehreren „Verteilern von Dichtung, Wahrheit und Lüge“ zu sein. Damit ist eine neue „Form der Realitätsformung durch nach-literarische Medien“ entstanden, die für die junge Userschaft eine neue Art von „Souveränität“ erzeugt, wobei traditionelle „Mainstream“-Medien für sie zunehmend an Bedeutung verlieren. Binnen kurzem wurde erkennbar: „Wer Datenherrschaft fordert, möchte weniger freigeben als Kontrolle ausüben. Netz-Kontrolle bedeutet, die Logik des Ausnahmezustands auf die Datenwelt auszudehnen“, konstatiert Sloterdijk mit Recht.
Fazit: Die Menschheit bleibt in der Moderne weiter im Zwielicht zwischen Macht und Ohnmacht, Diktatur und Demokratie - nur die Moden und technologischen Begebenheiten haben sich geändert.
Wolfgang Taus
Peter Sloterdijk, Der Fürst und seine Erben - Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute, Suhrcamp Verlag 2026, 189 Seiten.
Bewertung:*****